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Ai Weiwei – Evidence

 

Donnerstagvormittag am Martin-Gropius-Bau in Berlin. Keine Warteschlange. Gibt’s das wirklich? Also sofort hinein in die „Evidence“ betitelte Ausstellung des chinesischen Künstlers und Regimekritikers Ai Weiwei.

In seinen Werken setzt er sich u. a. mit der chinesischen (Kultur)Geschichte und Tradition im Gegensatz zur industriellen, konsumorientierten Gegenwart auseinander. Ein  weiterer Themenschwerpunkt, verbunden mit seiner Inhaftierung und seinem Hausarrest, ist die eingeschränkte Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung in China.

In der großen Halle des Gropius-Baus die Großinstallation „Hocker“.  Dies ist vermutlich der Teil der Ausstellung, der am Häufigsten in den Medien gezeigt wurde.  In Natura ein richtig interessanter und faszinierender Anblick, der durch Filme oder Fotos nur bedingt wiedergegeben wird.

Mehr als 6.000 in chinesischen Dörfern gesammelte Holzschemel aus der Ming- und Qing-Dynastie ergeben in ihren unterschiedlichen Farben, Formen und (Ab)nutzungsgraden eine sehr interessante und sehenswerte Oberfläche.  Laut Audioguide gehört solch ein komplett aus Holz gefertigter Hocker zum Standardinventar eines chinesischen Haushalts und zeichnet sich durch seine Robustheit aus (sonst gäbe es diese Hocker vermutlich auch nicht mehr).

Gestapelte Stühle, eine Kommode. Sehen ziemlich neu aus. Es handelt sich dabei aber um (sehr) alte Möbelstücke, deren Oberfläche ganz fein abgeholt wurde.  Aus „alt“ macht „neu“ – allerdings verbunden mit dem Verlust der Geschichte (Patina, Gebrauchsspuren) und der Authentizität.

„Coloured Vasen“: Alte, chinesische Vasen im Metallic-Glanz. Tradition trifft Gegenwart und die Vasen auf die Metalliclackierung von BMW und Mercedes-Benz.

„Flusskrabben“ (aus Porzellan) und „Schuldschein“ beziehen sich auf die Zerstörung von Ai Weiwei’s  Atelier durch die Shanghaier Stadtregierung und den Vorwurf der Steuerhinterziehung. Als die Aufforderung ein Bußgeld in Millionenhöhe zu zahlen im „Web“ bekannt wurde, „liehen“ ihm mehrere tausend Unterstützter einen Großteil des Geldes. Als Reaktion darauf entstanden diese Schuldscheine mit denen hier Räume tapeziert wurden.

Passend dazu auch die Anordnung diverser Computer, Hardware und Büromaterialen des Werks „untitled“.  Bei einer Razzia in seiner Firma wurde die Büroausstattung als „Beweismaterial“ konfisziert.

Mit mehreren Werken setzt sich Ai Weiwei mit dem  Erdbeben in  der Provinz Sichuan (2008) . Durch Korruption und Pfusch am Bau kamen dabei Tausende Schüler  in einstürzenden Schulen ums Leben.

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der sehr interessanten Ausstellung, die auch einige Videoprojekte umfasst. Am Besten selber besuchen.

Das Fotografieren ist ohne Blitz erlaubt. Sehr empfehlenswert ist m. E. die Nutzung des Audioguides.